Fordert Demokratie – für alle! Politik im Afrobeat

Eine Band, die zum WM-Opening auf der Dachterasse des HKW auftritt. Zehn Köpfe, zwanzig Füße und noch mal zwanzig Arme. Benannt nach der Hausnummer 70 in der Treize de Mayo in Bixiga  – Bixiga 70. Mehr oder weniger Afrobeat, wenn man ihnen glaubt, sicher aber mit ganz gewaltiger Street Credibility.

Im Interview mit Daniel Gralha (Trompete) und Marcelo Dworecki (Bass) von Sonia Dimitrow und João Xavi.

 

 

Wie ist es für euch heute zum Anpfiff der WM in Berlin zu spielen – so weit weg von Zuhause. Fiebert ihr für das brasilianische Team?

Daniel: Ja und nein. Eigentlich sind wir innerhalb der Band eher zwiegespalten. Klar, Fussball mag jeder irgendwie, aber die Umstände, unter denen die WM stattfindet, finden wir schon eher komisch. Seit Juni letzten Winters gehen die Leute in Sao Paulo auf die Straße. Gegen Korruption und … ach, so viele andere Sachen. Das Ganze ist eine riesige Bewegung, die ja damals mit den Fahrpreiserhöhungen anfing, falls ihr davon gehört habt. Es ist schon schräg, aus dieser Situation, in der sich Brasilien immer noch befindet, die WM wahrzunehmen oder sich daran zu erfreuen…

Marcelo: Selbst diejenigen Bandmitglieder von uns, die echte Fans sind und mit dem brasilianischen Team fiebern, wir alle stehen auf der Seite der Demonstranten und der Riots. Das kommt von ganz tief drinnen und das passiert nicht ohne Grund. Da gibt es klar eine Linie seit den ersten Demos letzten Winter. Für uns und unsere Generation ist das neu. Wir haben sowas noch nie gesehen [seit der Diktatur in den 70ern] – und jetzt ist etwas da, und es wird ständig größer, viel größer sogar als unsere Liebe zum Fussball. Diese Liebe für unsere Nation, das Volk. Uns kommt es vor, als würden wir gerade ein neues Nationalbewusstsein konstruieren, als Volk, als Einheit.

Bixiga 70 © Nicole Heiniger

In den Medien werdet ihr als politische Band dargestellt – seht ihr euch selbst so?

Daniel: Klar, wir sagen ja auch nichts, wie die Politiker. Wir singen nicht, wir haben keine Texte… aber logisch, wir drücken uns natürlich auch aus, beziehen Position, auch innerhalb der Riots jetzt. Da sind wir mit auf der Straße.

Marcelo: Natürlich gibt es auch Momente, wo wir von der Bühne herunter Dinge sagen. Und wahrscheinlich klingen wir dann auch gleich sehr politisch. Wir machen auch ein kleines Festival bei uns, “Dia do Graffiti”, wo ein paar Tage lang die Treize de Mayo, die Hauptstraße, in unserem Viertel gesperrt wird und eine Menge Künstler eingeladen werden… Irgendwie ändert sich nicht nur die Straße, sondern auch die Art, wie Leute in die Straße einbezogen werden. Das klingt komisch. Aber – bei uns kannst du an einigen Orten eben nicht alleine rumlaufen. Wir haben keine Beziehung zu öffentlichen Plätzen. Solche Events ändern das zumindest für einen Tag. So dass die Leute, die da wohnen, ihren Ort anders sehen, mit Kunst und – als einen Ort, wo sie sich treffen könnten. Das ist politisch.

Marcelo: Ja, klar. Gerade kaufen in Sao Paulo große Immobilienfirmen die ganzen alten Häuser in den Vierteln auf und bauen die um. Die Stadt wird zur Hölle. Die ganzen alten Nachbarschaften werden zu Orten, an denen du nicht mehr sein kannst. Die zerstören die Stadt. Und unser Album heißt ja auch „Occupai“, das heißt soviel wie “occupy – geht auf die Straßen! Nehmt euch die Städte zurück und kreiiert eure eigenen Städte.

Daniel: Ja, das spiegelt auch, was die Leute in Brasilien gerade bewegt – sie re-konstruieren ein Gefühl für den öffentlichen Raum. Das Bild, das sie selbst von sich haben. In den Städten – diesen Monstren; Dschungel, die immer größer und größer werden, während wir alle das Gefühl haben, immer kleiner und kleiner zu werden. Eine ganz komische Umkehrung.

Das ist dann auch eine Botschaft von euch an die Leute?

Daniel: Occupy? Besetzt? – Klar. Geht raus. Besetzt alles was euch gefällt, macht eure Kunst – jeder sollte sich im öffentlichen Raum zuhause fühlen, als Teil davon.

Marcelo: Das worum es uns mit „Occupai“ geht, sehen wir auch hier in Berlin gerade. Der alte Flughafen, auf dem die Leute Sachen pflanzen, das ist wundervoll. Das sind so Sachen, nach denen wir suchen. Auf der Straße zu sein und die Stadt als deins nehmen.

Marcelo: … und auch mehr – besetzt euren Körper – nehmt ihn wieder in Besitz. Nehmt eure Zeit wieder in Besitz, euer Leben.

Daniel: Und wenn ihr Lust habt, klar, geht zur WM und unterstützt eure Teams, aber vergesst die Gründe für die Riots nicht. Fussball gehört dem Volk – und so wie es ist, kann es nicht sein. Geht raus und schreit laut für euer Team – aber geht auch raus und schreit laut für eure Rechte. Und fordert Demokratie – für alle.

#naovaitercopaKönnt ihr uns drei großartige Dinge über Brasilien sagen, abseits der üblichen Klischees?

Daniel: Brasilien ist so ein großes Land… Das ist schon mal was Gutes. Ein großes Land, mit vielen Möglichkeiten.
Marcelo: Ich denke, es ist gut an Brasilien, dass die Leute dort sehr zugänglich sind. Wenn man in Brasilien in der Schlange steht, redet man miteinander, da ist gleich jeder mit dabei…  das ist eine gute Sache, denke ich.

Daniel: Vielleicht bin ich da nicht so deiner Meinung… Die Dinge werden nicht gerade besser in Brasilien. Deswegen haben wir die Riots. Deswegen ist es gut, dass wir gerade jetzt mit dabei sind. Brasilien ist eine Art Dauerbaustelle. Wir sind ein noch sehr junges Land. Vielleicht als Drittes: gerade weil wir uns noch entwickeln, können wir einen Unterschied machen und das Ruder umwerfen. Wir erleben gerade einen sehr speziellen Moment in Brasilien, an dem wirklich was Gutes kommen kann – nicht wie unsere Eltern in den 60ern und 70ern, als unter der Diktatur einfach sehr viel Krankes passiert ist.

Was ist für euch der größte Unterschied zu Brasilien, wenn ihr hier spielt? Dort seid ihr Afrobeat, hier seid ihr in erster Linie eine brasilianische Band.

Marcelo: Für mich macht das nicht so den Unterschied…

Daniel: Ich glaub auch nicht, dass man uns in Brasilien nur als Afrobeat-Band sieht. Das zweite Album ist für uns eine Möglichkeit, ganz unterschiedliche Facetten unserer Musik zu zeigen. Gerade weil es jetzt in Bahia, Pernambuco, Pará, Rio de Janeiro, und selbst in Sao Paulo so viele Afrobeat-Bands gibt… Abayomi Orchestra aus Rio, Iconili aus Belo Horizonte, Afroelectro – die sind etwas mehr Richtung Nordwest-Afrika unterwegs, Mali und so…

Marcelo: … ich würde auch sagen, das wichtigste an uns ist das Urbane. Wir klingen mehr nach Sao Paulo. Es ist echt hart in Sao Paulo zu leben. Die Stadt hilft dir bei nichts. Der öffentliche Nahverkehr ist teuer. Der Verkehr staut sich. Die Gewalt wächst, das Einkommensgefälle erst recht … Drogenprobleme… Im Stadtzentrum laufen echt komplizierte Dinge ab. Interessant ist, dass das urbane Ding überall funktioniert, das ist irgendwie “uniform“, das geht in Sao Paulo, in Berlin, Paris, oder in Rabat/Marrokko. Obwohl wir da wirklich eine exotische Band sind. Zehn Leute…

Daniel: …kein Sänger, kein Leader, niemand im Mittelpunkt. Daher haben wir auch so viele Charakteristika und Einflüsse in unserer Musik –  aus dem Afro, aus Südamerika, Nordamerika, irgendwie jede Musik, die in Städten gemacht wird – Rock, Hard Rock, Funk, Hiphop. Jede Stadt hat ihre Dub-Party, Hiphop-Party, Rock-Bars, Menschen aus Afrika, Europa, sonstwo her… das Urbane verbindet und als urbane Band klingen wir da vielleicht auch manchmal irgendwie vertraut. Außerdem sind wir ja instrumental und stoßen an keine Sprachgrenzen, die Leute können einfach zuhören. Wir bekommen häufig gesagt, dass unsere Musik ein bisschen wie Filmmusik ist. Wobei jeder dabei seinen eigenen Film macht, seine eigene Geschichte aus der Musik.

Das Erleben steht also bei euch im Mittelpunkt?

Marcelo: Ja. Mehr noch als Fußball können die Leute hier das brasilianischen Moment begreifen. Es ist kompliziert. Wir sind eben nicht einfach, easy und es ist wichtig, dass viele das begreifen: Diese Weltmeisterschaft bringt viele von uns in sehr unangenehme Situationen. Die Weltmeisterschaft findet zu keinem guten Moment statt, wir haben einfach noch so viel zu lösen im Land.

Daniel: Uns wurde gesagt, es sei großartig die WM zu haben, sie gäbe so viele Möglichkeiten zur Verbesserung  – und nichts ist geschehen. Das war alles Bullshit, eine Lüge. Und wenn die Leute wenigstens das kapieren, wär die WM nicht ganz so der Reinfall für uns und wir würden uns nicht wie Idioten fühlen.

Marcelo: Ja, ja, wir sind schon die Clowns hier. Fussball für alle! Statt Schulen bekommen wir Stadien und die sind dann Realität. Mich interessieren Stadien nicht. Die Dinger werden zur WM benutzt und dann nie wieder… dazu Abermillionen an Korruptionsgeldern. Korruption ist ein riesiges Problem bei uns…

Daniel: Wir hoffen… oder ich hoffe, dass Brasilien Weltmeister wird und ich hoffe, die Menschen in Brasilien werden ihre eigenen Champions… abseits vom Fußball.

Marcelo: Yeah, ich hoffe echt, dass die Aufregung rund um die Spiele den Bewegungen auf der Straße und den Menschen mehr Power bringt, und sie sich und ihr Land besser kennen lernen. Wenn Brasilien gewinnt, gut. Dann lasst uns diese Power zu etwas nutzen, was uns wirklich gut tut.

 

Autorinnen: Sonia Dimitrow und João Xavi (Danke!).

Und ein kleiner Eindruck für alle, die das Berliner Konzert verpasst haben.

Ein Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s