Das ist Journalismus wie gehabt. Ein Interview mit Christian Russau

Während wir im Berliner Haus der Kulturen der Welt Abseitspositionen zur Berichterstattung rund um die WM suchen, gibt es außerhalb der HKW-Mauern natürlich auch ein paar Profis, die in, aus und über Brasilien berichten. Mit einem davon hat sich unsere Gastautorin Leyla Dere getroffen. Der Journalist und Autor Christian Russau ist Mitherausgeber des Buches „Fußball in Brasilien: Widerstand und Utopie. Von Mythen und Helden, von Massenkultur und Protest“ (VSA, 2014) und schreibt u.a. für das Online-Nachrichtenportal amerika21. Mittendrin im Thema sozusagen.

von Leyla Dere, Gastautorin.

 

Sie arbeiten über Brasilien von Berlin aus. Wie funktioniert Ihre Arbeit so weit weg vom Geschehen?

Ich arbeite mit brasilianischen Alternativmedien und Organisationen. Das Arbeiten vor Ort ist sehr prekär, die brasilianischen Alternativmedien arbeiten mit sehr bescheidenen Mitteln, aber sie arbeiten an der Basis. Für meine Arbeit heißt das, in Zusammenhang mit der Fußballweltmeisterschaft, direkt mit den Komitees, die sich in Brasilien gebildet haben, in engem Kontakt zu sein.

Diese Kommittees bestehen aus Menschen, die sich in den zwölf WM-Austragungsorten zusammen getan haben, um auf die sozialen Folgen der Fußball-WM aufmerksam zu machen. Wir führen Interviews online, über Skype oder Telefon oder bereiten Pressetexte klassischer und alternativer brasilianische Medien auf. Für uns ist es bei der Berichterstattung sehr wichtig, den Bezug zu Deutschland und Europa herzustellen. So zeigen wir beispielsweise auf, dass beim Staudamm von Belo Monte auch europäische Unternehmen beteiligt sind.

Sie haben mehrfach die Alternativmedien erwähnt. Was ist mit den klassischen Medien in Brasilien, sind die unglaubwürdig?

In Brasilien gibt es sechs bis sieben Familien, denen die großen Medien gehören. Diese sind nicht gerade dafür prädestiniert, eine kritische Berichterstattung zu betreiben. Deswegen haben sich in den letzten zwanzig Jahren in Brasilien Alternativmedien gegründet, die vermehrt auf das Internet setzen, aber auch Lokalradios sind sehr populär in Brasilien. Diese sind näher an den Lebensweisen der Menschen vor Ort dran als es die großen bürgerlichen Medien schaffen.

Das heißt also, nicht so sehr das Internet, sondern das Radio ist das wichtige Medium in Brasilien?

Bei Brasilien muss man sich die Dimensionen vor Augen halten. Das Land ist fast so groß wie ganz Europa zusammen genommen. Vor allem in ländlichen Regionen oder in den ärmeren Stadtvierteln ist der Bezugspunkt Radio sehr wichtig. Die Informationen, die über das Lokalradio vermittelt werden, sind sehr wichtig, weil sie direkt aus der Umgebung der Menschen kommen. Es gibt Gemeinden, die isoliert beispielsweise im Amazonas leben, das Radio ist tagsüber das Kommunikationsmittel für sie. Am Abend werden natürlich die Telenovelas der großen Fernsehkonzerne geguckt (lacht).

Wie ist Ihre Arbeitsweise, wie kommen sie an diese Informationen aus Lokalradionachrichten?

Zum einen arbeiten wir mit einigen Radiosendern zusammen, zum anderen sind die Inhalte der Radios häufig als Podcast im Internet zugänglich. Und es gibt Internetradios, die die Inhalte der Lokalradios übernehmen und diese greifen wir dann wiederum auf und verarbeiten sie weiter. Insofern existieren alternative interkontinentale Nachrichtenstrukturen.

Ist es nicht schwierig, interkontinental  zu arbeiten?

Manchmal, wenn man sich für ein Telefoninterview verabredet, kommt es schon mal vor, dass man die Zeit falsch berechnet. Oder aber das Skype-Interview ist als Audiodatei nicht zu gebrauchen, weil das Interview verzerrt klingt. Das ist dann natürlich ärgerlich. Da ich wenig mit Audiodateien arbeite, habe ich das Problem nicht so. Ich führe E-Mail- Interviews. Das geht.

Gibt es Besonderheiten in der journalistischen Arbeit mit Brasilien?

Ich habe keine Vergleiche mit Argentinien oder Chile, von daher würde ich sagen, „das ist Journalismus wie gehabt“. Ich arbeite seit zehn Jahren mit Brasilien.

Wie kommt es, dass es so viele kleine Lokalradios gibt, aber die Zeitungen und das Fernsehen in den Händen einiger weniger Familien sind?

Die Radios sind seit der Redemokratisierung Brasiliens 1985 eines der wichtigsten Medien, um die Menschen zu erreichen. Das heißt nicht, dass sie mehr Macht haben als die großen Medien, aber man sollte die Leistungen der kleinen Lokalradios nicht unterschätzen. Natürlich ging die Mobilisierung der Menschen in den sozialen Netzwerken los, aber die Alternativradios waren die ersten, die darüber berichteten.

Wie groß ist der Unterschied zwischen der Berichterstattung im brasilianischen Fernsehen und in den Alternativradios?

Wenn wir uns die Protestaktionen vom Juni 2013 anschauen: zuerst waren es einige wenige Protestierende, innerhalb von einigen Tagen schlossen sich ihnen immer mehr Menschen an. Die Demonstrierenden wurden von der Polizei niedergeprügelt. Die Bilder von den Aktionen kursierten im Internet. Das Fernsehen berichtete, es handele sich nur um Proteste von Vandalen. Die Proteste nahmen mit der Zeit solche Ausmaße an, dass auch das Fernsehen sie nicht mehr als Proteste einiger weniger Gewaltbereiter abtun konnte. Spätestens am 14. Juni 2013 schwang die konservative Presse um, hieß die Proteste an sich gut und versuchte darauf Einfluss zu nehmen: Sie unterteilte die Demonstrierenden in gute und schlechte Protestler. Ab dem 21. Juni 2013 war aber kaum noch zu unterscheiden, wer genau auf der Straße war: Da war dann ein jeder und eine jede auf der Straße und äußerte ganz linke bis zu ganz rechte Forderungen oder vollkommen unpolitische Forderungen. Da die konservative Presse aber eng mit den rechten Parteien verbunden ist und im Oktober Präsidentschaftswahlen in Brasilien sind, werden die Proteste anlässlich der Fußball-WM von der konservativen Presse auch benutzt, um Politik gegen die Präsidentin Dilma Rousseff und ihre Arbeiterpartei PT zu machen.

Worum geht es Ihnen bei der Berichterstattung rund um die WM?

Die großen Firmen sollten sich angesichts der sozialen Auswirkungen der Fußball-WM auf die Bevölkerung in Brasilien nicht mehr so sicher sein, dass sie mit ihrem Sponsoring weiterhin einen großen Imagegewinn davontragen. Angesichts der sozialen Unruhen im Zuge der WM könnte das sogar ins Gegenteil umschlagen.

Nun läuft die Fußballweltmeisterschaft aber – schauen Sie sich die Spiele an?

Ich bin ein begeisterter Fußballfan. Nichtsdestotrotz lehne ich den Kommerz ab, den die FIFA mit dem schönen Fußball betreibt. Wir hoffen, dass die FIFA, so wie sie heute besteht, nicht mehr weiterexistiert. Schönen Fußball wollen wir natürlich alle sehen.

Interview: Leyla Dere

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