Wenn wir alle immer kleiner werden… Filmtipp

atrasVielleicht ist es nicht ganz fair, einen Film zu featuren, von dem es zur Zeit nur eine einzige Kopie mit deutschen Untertiteln gibt, und von dem, zumindest in diesen Breitengraden, kaum mehr Kopien des Originals zirkulieren. Dennoch: der Film Atras da Porta von Vladimir Seixas und Chapolim aus dem Jahr 2010 ist ein ganz besonderer Film.

„Atras da Porta“ führt im wörtlichen Sinne ‚hinter die Türen‘ eines besetzten Hauses in Rio de Janeiro. Besonders ist der Film auch, weil er den Blick auf die aktuellen Sozialproteste in Brasilien an sogenannten „Sem Tetos“ (wörtlich: ohne Dach) festmacht. A world in a nutshell.  2008 und 2009 begleitet der Kameramann Vladimir Seixas die Besetzung einer „Quilombo das Guerreiras“ in der Hafenzone Rio de Janeiros, und portraitiert ihren Widerstand gegen die anstehende Räumung. Letztere steht in Verbindung mit dem Projekt „Porto Maravilha„, einer Aufwertungsmaßnahme der Regierung, zu der auch die brasilianischen Trump Towers und andere Luxusprojekte in Planung gehören.

Ein Mix an Menschen, Ideologien und Träumen, immer wieder konterkariert durch die Härte struktureller Gewalt von Polizei und Räumungsaktionen. So zum Beispiel, wenn die wenigen Habseligkeiten der Bewohner zum offiziellen Räumungstermin mit einem städtischen Müllwagen abgeholt werden sollen. Den Wagen hatte die Stadt als Umzugswagen bereitgestellt und als Unterstützung deklariert. Die Ironie prallt an den Zuständigen ab, ebenso wie die Wutausbrüche der Hausbewohner. Dass Gewalt nicht nur körperlich sein kann, davon handeln viele der Gespräche, die Seixas und sein Partner Chapolim für den Film aufgezeichnet haben.

Nach Artikel 5 der brasilianischen Verfassung hat Eigentum eine gesellschaftliche Funktion zu Erfüllen. Das körperliche Ringen um die Auslegung dieses Grundrechts zieht sich als Faden durch den gesamten Film und spiegelt immer auch die Kämpfe anderer Sozialbewegungen. Die stärker organisierten Trabalhadores Sem Teto (MTST) zum Beispiel. Obdachlose, Arbeiter, Entrechtete, die seit 1997 für das Recht auf Wohnen kämpfen und quer durch das Land von einer breiten Masse unterstützt werden. Oder die u.a. durch die Portraits des Fotografen Sebastião Salgado weltweit bekannt gewordene Landlosenbewegung der „Sem Terras„.

Die nicht immer sehr virtuosen Bilder, ohne stringente Narration oder den üblichen Kommentartext, sind zuweilen ermüdend. Die fehlende Kontextualisierung erschwert es teilweise, Zusammenhänge herzustellen, aber vielleicht braucht es das auch gar nicht. Kommentartexte sind nicht zu Unrecht im Dokumentarischen verpönt, da sie die Stimme der Autorität auf die Bilder setzen. Die Filmemacher verzichten darauf sehr bewusst. Sympathisch wird es, wenn in einer kurzen Sequenz partizipativer Kameraführung die Hausbewohner übernehmen und der Kameramann ins Bild gerät. Und hat man sich erstmal an den Stil gewöhnt – ja, liebe Cineasten, ARTE- und ARD-Zuschauer, das geht – stößt man sich auch ganz schnell wieder am Eigentlichen:

Das ist die gewaltige Kraft, die aktuell allerorts auf dieser Welt Städte verändert, Stadtteile aufwertet, Segregation vorantreibt, im Wesentlichen aber als Zeichen für ein kaum fassbares Wachstum deutbar wird. Nennen wir es Neoliberalismus, Kapitalismus oder Fortschritt – am Schluss erinnert dies an die Worte von Daniel Gralha (Bixiga 70) hier im Blog, wenn er Städte als Monstren beschreibt. „Dschungel, die immer größer und größer werden, während wir alle das Gefühl haben, immer kleiner und kleiner zu werden.“

Keine schöne Vorstellung. Und keine gute Grundlage für eine wirklich funktionierende Zivilgesellschaft. Egal wo.

 

Mehr Informationen zum Film auf der Website von Atras das Porta.

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