Fußball produziert Momente. Ein Interview mit Thomas Fatheuer

Fussball in BrasilienAura Cumita spricht mit dem Brasilienexperten und Fußballfan Thomas Fatheuer über genau das: Fußball und Brasilien. Aktueller Anlass ist ein Buch, das diese beiden Worte ebenfalls im Titel trägt und von Thomas Fatheuer, zusammen mit Gerhard Dilger, Christian Russau und Stefan Thimmel herausgegeben wurde. Das Buch ist im Mai diesen Jahres erschienen. Frisch genug, um ein paar Fragen dazu zu stellen. Das Interview führte Aura Cumita.

Herr Fatheuer, es gibt zur Zeit sehr, sehr viele neue Fußballbücher, zum Beispiel: „Das Beste Ziel aller Zeiten“, „Das Spiel mit Schwarz-Rot-Gold“, „Brazil 2014“, „Ich bin Zlatan“ – Worin unterscheidet sich das Buch „Fußball in Brasilien: Widerstand und Utopie“ von den anderen Fußballbüchern?

Ja, das stimmt. Es gibt einen Flut von Fußballbüchern. Und wir haben uns zwischendurch gefragt, wird das Buch in dieser Flut untergehen? Aber gleichzeitig dachten wir uns, dass das Buch ein bisschen was Besonderes ist, weil wir darin die politischen Aspekte rund um den Fußball zentral aufgreifen und das auf eine ganz aktuelle Weise. Die Idee zu dem Buch hatten wir übrigens nach der letzten Frankfurter Buchmesse. Uns war aufgefallen, dass alle Bücher zum Thema vor den Juni-Protesten entstanden waren. Das war uns zu wenig aktuell und auch zu unpolitisch.

Dennoch passen Fußball und Literatur, oder zumindest Fußball und die Buchform, einfach nicht zusamme, wie Gerrit Bartels unlängst im Tagesspiegel behauptet hat.

Ich kann das verstehen und trotzdem stimmt es nicht. Also, ich glaube viele Menschen haben Fußballbücher sehr gerne gelesen, nicht alle. Es gibt auch Menschen, die sagen, ich interessiere mich für Spiele, aber nicht für Fußballbücher.

Nick Hornby zum Beispiel hat ein Buch geschrieben, „Fußball Fieber“ (Fever Pitch). Er hat seine Lebensgeschichte erzählt, über seine Jugend in England, über die Rolle, die Fußball für ihn gespielt hat und die über Fußballkreise hinaus geht. Ich glaube, es gibt eine neue Generation von Fußballbüchern, die auch teilweise ganz schön sind.

Man erfindet bei solchen Büchern die Welt nicht neu, auch in unserem nicht. Aber ich glaube, selbst für Menschen, die relativ viel über Fußball wissen, wirft unser Buch einen sehr aktuellen, systematischen Blick auf Brasilien. Auf Portugiesisch gibt es eine Reihe ganz neuer Bücher die das tun, wohingegen es im Deutschen kein einziges gibt, das theoretisch in die Sache reingeht.

Mein Kapitel „Brasilien vom Fußball aus denken“ ist z.B. eher ein Kapitel für Leute, die geisteswissenschaftlich oder zeitgenössisch interessiert sind oder an ganz anderen Themen als Fußball. Unsere Autoren sind alle sehr unterschiedlich – alle sind im Thema oder an ihren Themen, dabei stehen einige der Autoren der brasilianischen Regierung kritischer gegenüber als andere. Aber alle Autoren sympathisieren mit den Juni-Protesten. Ich glaube es ist eine Kombination, für die es eine ganze Reihe von Lesern und Leserinnen gibt. Die erste Auflage ist jetzt ausverkauft worden. Das ist jetzt kein großer Erfolg, weil die Auflage nur 1000 Stück hatte, aber immerhin.

Während der Fußball-WM 1970 in Mexiko stand Brasilien im Zeichen der Militärdiktatur, und hier kam es für die Regimegegner angeblich zu einer sehr paradoxen Situation: In der Partie Brasilien / Tschechoslowakei sollen Regimegegner und –anhänger zusammen das brasilianische Team bejubelt haben – Folterer und Gefolterte. Wie glaubwürdig ist diese Geschichte?

Ich persönlich kenne Leute, die im Gefängnis saßen und diese Geschichte stimmt. Alle erzählen diese Geschichte, in Memoiren, überall. Ein guter Freund hat mir dazu erzählt, dass sie damals die Anweisung von der kommunistischen Partei bekommen hätten, zur Tschechoslowakei zu halten. Nach dem ersten Tor hatten sich die Tschechoslowaken bekreuzigt und man fragte sich, wie das mit Kommunismus zusammenpassen solle. Entsprechend brach sich die Freude über das Spiel nach dem ersten Tor Brasiliens ihre Bahnen. Hier liegt diese Verbindung von Politik und Fußball.

Eine Regierung kann ein Land für eine Zeit besetzen. Sie kann Leute unterdrücken. Aber der Moment der Diktatur ist ein Moment, der vorübergeht, das Land wird weiter existieren und irgendwann darüber hinweg sein. Brasilien, oder das Gefühl Brasilianer zu sein, ist natürlich größer als das Gefühl für oder gegen die Regierung zu sein. Und ich glaube das war einen Argument. Wenn auch nur für den Moment. Danach wurde weiter gefoltert. Fußball wirkt da keine Wunder. Er gibt ein Gefühl der Einheit, aber sobald der Fußball vorbei ist, brechen die alten Widersprüche auf. Fußball hält nichts an, er produziert Momente.

Die WM 2014 ist von den sozialen Unruhen in Brasilien überschattet. Alle Medien berichten ständig darüber. Das war im Fall der letzten WM in Südafrika nicht unbedingt so. Wie erklären Sie sich dieses Phänomen?

Das ist nicht leicht zu erklären. Es haben sich relativ früh, im Laufe der ersten Vorbereitungen zur WM, in vielen Städten Brasiliens Volkskomitees gegründet. Die auch ursprünglich gar nicht gegen die WM ausgerichtet waren. Die Komitees waren eine Art politische Kontrollinstanz aus der Bevölkerung. Als man merkte, dass Menschen wegen der WM umgesiedelt werden sollten, schwand die anfängliche Euphorie über die WM. Hinzu kam dann das arrogante Auftreten der FIFA und die Einsicht, dass man sich einer ganzen Reihe von Anforderungen der FIFA würde unterwerfen müssen.

So gibt es im brasilianischen Gesetz verankert die Regelungen, dass Studenten, Leute ab 60 und bestimmte andere Gruppen zum halben Preis in Theater, Kinos oder Fußballstadien können. Diese Regelungen mussten für die Fußball-WM gesetzlich geändert werden. Ein anderes Beispiel: In brasilianischen Stadien gilt ein generelles, gesetzlich geregeltes Alkoholverbot. Das musste explizit für den FIFA-Sponsor Budweiser geändert werden. Diese Form der WM-Organisation hat viele Menschen enttäuscht.

Dazu kam eine wachsende Unzufriedenheit mit der Regierung und das alles zusammen hat sich im letzten Jahr entzündet. Es war ein Überraschungseffekt und seit den Juni-Protesten ist Brasilien in einem Zustand der Unruhe. Der Geist der Unruhe ist aus der Flasche entflohen. Er nimmt unterschiedliche Formen an, er ändert die Größe und die Gestalt, aber er geht nicht wieder zurück.

Zum Schluss: Welches Fußballbuch würden Sie Nichteingeweihten empfehlen?

Auf jeden Fall Nick Hornby! Und es gibt ein neues Buch, das ich noch nicht gelesen habe, von Axel Hacke – das ist ein recht bekannter Kolumnist und Schriftsteller der Süddeutschen Zeitung -, das heißt „Fußball Gefühle“. Das ist auch ein gutes Buch für Anfänger und Anfängerinnen.

 

 

Zur Person:

Dr. Thomas Fatheuer ist Sozialwissenschaftler und Philologe. Von 2003 bis Juli 2010 leitete er das Büro der Heinrich-Böll-Stiftung in Rio de Janeiro. Er lebt als freier Autor und Berater in Berlin. Sein letztes Buch „Neue Ökonomie der Natur – Eine kritische Einführung“ erschien bei der Heinrich-Böll-Stiftung.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s