Casablanca, montags 20 Uhr . Telenovela Prime Time

cc image courtesy of flickr.com/photos/susanad81Wir machen uns über sie lustig. Wir zerreden sie und würden nie öffentlich zugeben unsere Zeit damit zu verbringen: Lateinamerikas wahrscheinlich größter kultureller Exportschlager – die Telenovela. Wie der Serien-Schmonz nach Marokko kam. Eine Erinnerung.

von Danica Bensmail.

„Nicht jetzt Mädchen! Ruf in einer Stunde noch mal an“, zischte Mouima – klick! Meine Oma hatte mich tatsächlich am Telefon abgewürgt – wegen einer Telenovela? Ich war irritiert. Unser wöchentliches Telefonat war seit langem ein festes Ritual und mir sehr ans Herz gewachsen. Jeden Montag um 20 Uhr Ortszeit klingelte ihr Telefon im Stadtteil Derb Sultan in Casablanca. Und jeden Montag nahm sie den Hörer ab. Bislang.

Schuld an der abrupten Unterbrechung war die brandneue Telenovela Zinat Al Hayat. Auf Deutsch: Verschönerung des Lebens. Nicht meines Lebens! So viel stand fest.

Meine Oma zog es tatsächlich vor, dem Familien-Clinch zweier imaginärer Immobilien-Dynastien zu folgen statt meinem Büroalltag zu lauschen. Unlängst hat der venezolanische Präsident Nicolás Maduro den Telenovelas den Kampf angesagt. Begründung: Zu schlechter Einfluss auf die Gesellschaft. Hätte ich damals sofort unterschrieben!

Einfluss haben die Seifenopern in der Tat. Seit den 90er Jahren erfreuen sich lateinamerikanische Telenovelas großer Beliebtheit im Nahen Osten und Nordafrika. Die brasilianische Serie Dona Beija schaffte es als erste Telenovela nach Marokko. Der Sender Al-Aoula hatte gleich einen ganzen Schwung hocharabisch synchronisierter Produktionen aus dem Libanon eingekauft.

Hocharabisch spielt im alltäglichen Miteinander der Marokkaner allerdings kaum eine Rolle. Untereinander spricht man marokkanisch-arabischen Dialekt, der sonst nur noch von den algerischen Nachbarn und Maghreb-versierten Libyern verstanden wird. Trotz des überschaubaren Sprachkreises führte die große Beliebtheit der Telenovela dazu, dass man  eigene Übersetzungen auf Marokkanisch-Arabisch anfertigen ließ. Seitdem beobachtet Jérôme Boukobza, Mitbesitzer eines Tonstudios in Casablanca, eine große Zunahme an Zuschauern. Auch er synchronisiert Telenovelas auf marokkanischen Dialekt für eine möglichst breite Masse.

Und genau da liegt das Geheimnis ihrer Popularität, verrät die Medienexpertin Ouidyane Elouardaoui: „Die spanischsprachigen Telenovelas sind in erster Linie so beliebt, weil sie im Free-TV empfangen werden können. Das verschafft ganz verschiedenen sozialen Schichten einen Zugang.“

In der Tat. Denn nicht überall gibt es ein flächendeckendes und zuverlässiges Stromnetz – im Rifgebirge zum Beispiel, oder im Hohen Atlas. Aber eine Antenne und eine Batterie haben dort die meisten. Zur Prime-Time versammelt sich die Familie um den Fernseher – Batterie mit Starterkabel an den TV-Kasten gezwirbelt und los geht’s.

Gerade weil Fernsehen in Marokko eine Familienaktivität ist, schauen die Sender vor der Ausstrahlung ganz genau auf die ausländischen Telenovelas. Geht es zu heiß zur Sache, landen die entsprechenden Szenen, gemäß islamischer Wertevorstellungen, schnell auf dem Boden des Schneideraumes: Wer zu heftig Süßholz raspelt, fliegt raus. Haben die Protagonisten im Original noch „Sex“, führen sie nach der Synchro „eine Beziehung“.

Derartige Entgleisungen sind in der ersten marokkanischen Telenovela Zinat Al Hayat nicht zu befürchten. Geschnitten und entschärft werden muss hier nichts. Es ist ein Produkt von Kennern der Kultur für Kenner der Kultur. Von den Autoren, über den Regisseur bis zu den Schauspielern ist Zinat Al Hayat eine rein marokkanische Produktion mit einem starken Fokus auf das Thema Familie. Ganz im Sinne des Ursprungsformats der klassischen Telenovela.

Die derzeit größte Konkurrenz der lateinamerikanischen und marokkanischen Seifenopern sind Serien aus der Türkei. Die laufen zwar nicht auf Marokkanisch, sondern auf Syrisch-Arabisch, haben aber gegenüber den spanischsprachigen Telenovelas einen ganz entscheidenden Vorteil: den gemeinsamen kulturellen Hintergrund. Zu sehen sind junge muslimische Frauen, die sowohl religiös als auch modern sind. Das kommt an!

Mouima und ich telefonieren mittlerweile wieder jeden Montag zur gewohnten Zeit. Sie guckt nicht mehr länger Zinat Al Hayat, sondern die türkische Serie Samhini. Und die ist bereits um 20 Uhr zu Ende.

 

 

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