200% politisch poetisch

Keep it alive by Vinicius GasparSie bewegen, was sie bewegt – und sich selbst. Geschichten von vier BrasilianerInnen in Berlin. Die auch in Shanghai oder London oder Agadir leben könnten und statt des brasilianischen Passes auch den chinesischen, algerischen, us-amerikanischen oder kubanischen haben könnten. Warum das so wahllos ist? Weil es hier um eine klare Ansage geht: eine andere Welt ist möglich. Und dazu muss man nicht träumen.

von Sonia Dimitrow

Ein Pochen. Ein Herz an die Leinwand projiziert, enthüllt und sichtbar, nun regungslos. Still. Wieder ein Pochen. Wieder regungslos. Ein Kreislauf. Vor der Leinwand ein Pult, ein Mikro. Menschen sprechen, singen, lesen Gedichte, spielen Instrumente, sprechen sie, so schlägt das Herz. Verstummt die Geräuschkulisse um das Mikrophon, verstummt auch der Puls. Was ist es, das unser Herz zum Schlagen bringt? Was ist es, das es schwach macht? Was ist es, das uns antreibt? Was bewegt uns, jenseits vom Kreislauf des Aufstehens und zu Bett Gehens? Der Kontakt, die Übertragung. Die Bewegung.

Keep it alive 

vynny bildDas pochende Herz, eine Videoinstallation des Kommunikationswissenschaftlers Vinicius Gaspar, war im Rahmen des Moabiter Kunstfestivals Ortszeit im Mai 2014 zu sehen. Ein Projekt realisiert in Zusammenarbeit mit Kalma Vj zum Thema „Revolution“. Vinicius, kurz Vynny, verbindet mit dem Begriff einen Gefühlszustand. Das, was jeden Einzelnen ausmacht, was ihn bewegt, was er denkt und fühlt. Das Herz ist seine Auslegung des Themas Revolution: Jeder trägt sie in sich, auf ganz eigene Art und Weise, so der 26-Jährige. Im Alter von zwölf Jahren inspiriert vom Dokumentarfilm „Beyond Citizen Kane“, begibt sich Vynny auf die Suche nach der Welt hinter der Erscheinung, nach dem he(artbeat). Ein Lebensthema, das sich aus dem Moment nährt, dem Augenblick. Das beschreibt sein Leben. Und das Anderer.

Geschichte(n) aus der Vergangenheit holen

Ortswechsel. Santo Aleixo bei Nacht. Großraum Rio de Janeiro. Ein Tanzsalon, geschmückte Füße tänzeln übers Parkett, Luftballons hängen von der Decke, Laserprojektionen an den Wänden. Szenenwechsel. Eine Frau, brünett und kurze Haare, sitzt auf einem gelben Sofa. Gelbe Vorhänge im Hintergrund, rosa Sterne, Sonnen und Monde darauf. Schnitt. Santo Aleixo´s Factory – Textilfabrik. Timelapse. Wir sind im Jahr 1964, das Jahr des Militärputsches, die Zeit von Zensur und Repressalien in Brasilien, von Folter und Verhaftungen. Gewerkschaften und Arbeiterbewegung wurden zerschlagen, ein Land änderte sich. Fünfzig Jahre später sucht die junge Filmerin Taiane Linhares („Tai“) die ehemaligen Mitarbeiter der Stofffabrik in Santo Alaxio auf und hört ihnen mit Kamera und Mikrofon zu. Sie verleiht jenen eine Stimme, die bislang nicht gehört wurden.

Tai Linhares by Joao Xavi

Vom alltäglichen Ausnahmezustand des Lebens bewegt, rekonstruiert die 27-jährige in dem Film die historischen Ereignisse rund um die Zerschlagung der Arbeiterbewegung und erzählt die Geschichte eines Brasiliens, abseits von Samba, Fußball und Karneval, mit Hilfe ihrer Protagonisten. Leise Alltagsmomente verdichten sich in ihren Geschichten zu einer Alternativgeschichte. Die Erzählperspektiven wechseln häufig, je nach spezifisch erlebter, wahrgenommener (politischer und sozialer) Situation. Der Umgang mit der Linse, so erzählt Tai an einem  Sommerabend in Kreuzberg, habe sie gelehrt, die Welt aus verschiedensten Perspektiven wahrzunehmen, aufzunehmen und den Menschen in die Augen, in ihre Geschichten zu blicken.

Die Schönheit des Alltäglichen

Fabiano Mixo by Sarah BuhlAlltag anders gedacht spiegelt Fabiano Mixos Kurzfilm „Spuren von Morgen“. Die Schönheit des Banalen, eingefangen in den Wänden einer Berliner Altbauwohnung, subtil auf den Punkt gebracht. Vier Beine, ein Schlafzimmer, zwanzig Zehen stupsen sich fast beiläufig an, berühren einander kurz, bevor sie wieder in einer ruhender Haltung verweilen. Allein, für sich, in sich. Das Telefon klingelt, die Tür fällt zu, das Fenster offen, Vogelgezwitscher, eine Fliege auf dem Fensterbrett und ein gemeinsamer Kochabend. Ausbeutung des alltäglichen Zufalls mit einem Funken Poesie.

Symbiosen haben Fabiano schon als Kind bewegt und später auch zur Filmerei gebracht. Der 26-Jährige mag das Fragment, das Experiment. Und die eigene Bewegung. Die filmArche mit der er assoziiert ist, ist eine selbstorganisierte Filmschule. Die Studenten hier sind weniger kommerziell orientiert, stärker dem DIY-Prinzip verhaftet. Das Eigensinnige, Unabhängige wird hier gefördert. Fabiano schreibt gerade mit Hannes an einem Drehbuch, Hannes arbeitet wiederum mit Dren an einem anderen Film. Die drei teilen sich einen kleinen Büroraum in Kreuzberg. Nebenan sitzen andere politisch informierte, kreative, prekarisierte Mittelklassler. Fabiano, ruhig und herzlich, arbeitet im Büro, zuhause. Wir treffen uns im Nest in Kreuzberg. Ein Sommergewitter drängt, unter einem Schirm Platz zu nehmen, auf Holzbänken. Es ist warm. Das Gespräch hatte sich mehrmals verschoben, Feiertage, Sonnentage. Ein paar zusätzliche Tage auf der Suche nach den Gemeinsamkeiten, die die vier Personen in dieser Geschichte verbindet. Jetzt jedoch hat es Zeit und den Ort für die Suche. Für einen ruhigen Moment.

200% politisch poetisch

João Xavi - photo (sm) by tai linharesDie Begriffe Zuhause, Wurzeln und Identität führen ein paar Straßen weiter zu João Xavi, 31 Jahre. Der Musiker und Filmer lebt in Berlin und hat ein Faible für Vinyl. Afrobeat, Dub, Funk – die Liste ist lang.  Googelt man ihn im Netz, ist der erste Ort, den man sieht, am Meer. Also kaum Berlin. In seinem Musikvideo „atlántico“ eröffnet João eine ganz persönliche Sicht auf die Verschmelzung zweier Welten, der brasilianischen mit der afrikanischen. Verbunden durch den Atlantik, verbunden durch die Geschichte, auch mit der des Omolu. Wir sind also ganz weit weg von Berlin, im Reich des Candomblé. Dort bewegt sich der Orixá im Takt der Wellen. Sein Körper wirkt wie vom Puls der Erde bewegt. Es ist die Symbiose, die João fasziniert. Eine Verbindung, so erzählt er, aus der neue Möglichkeiten entstehen. Das schafft Offenheit. Offenheit für neue Einflüsse und Strömungen. So wie seine Bewegungen über den Atlantik. In einigen Tagen geht es nach Aserbaidschan, dort organisiert er in Baku das Village-Brasil-Musikfestival 2014 mit. Seine Arbeit deutet er selbst als Tribut an die Kulturen, an Vergangenheit und Gegenwart der brasilianischen Gesellschaft. „Vergiss nicht woher du kommst, wo deine Wurzeln sind. Das Video ist zu 200% politisch. Poetisch.“

João und Tai stehen hinter der Bar eines Projektraums. Tai hat gekocht. Volxküche, oder seit neustem Küfa, Küche für alle, hat selten so kulinarisch versiert ausgesehen. Das Essen würde in keinem gehobenen Restaurant aus der Reihe fallen. An dem Abend gibt es Filme zu sehen. Die Auswahl haben João und Tai zusammen mit einer Freundin getroffen. Alle Filme sind aus Brasilien. Anders erzählt als gewöhnlich, mit Leidenschaft gemacht. Das erkennt man an den zahllosen Danksagungen im Abspann, den teilweise sehr unentschlossenen und verschwommenen Erzählungen. Für kurze Momente öffnet sich ein Fenster in andere Perspektiven und Geschichten. Brasilien aus Beton, Favelas, Farben, dazwischen ein Junge mit Ghettoblaster, ein Drogenkurier. Im nächsten Film wird es verwaschen, der Protagonistin fehlen die Haare, der Kamera der Fokus. Sie läuft ziellos durch die Straßen, Begegnungen in der nächtlichen Stadt, Ruhe nur unter der Dusche, und am Schluss auf dem Dach. Aussicht auf die Lichter der Stadt. Der Traum einer anderen Realität. Wie bei den liebevoll angerichteten Essen ist auch die Filmauswahl ein Kontaktangebot. Politische Poesie.

Von Poesie und PR waren die letzten vier Jahre in Berlin für Vynnys geprägt. Neben seiner hauptberuflichen PR-Tätigkeit für ein Berliner Start-up-Unternehmen hatte es ihn in die Kunstszene gezogen. Dort wo sein Hearz schlägt. Das war in Sao Paulo auch nicht anders. Egal wo er lebt, ist er auf Ausstellungen unterwegs, mischt im Kunstbetrieb mit. Das ist in Berlin nicht anderes. Gerade bewegt er sich im Limbo. Sein Arbeitsvertrag ist aus betriebsbedingten Gründen aufgelöst. Keine Leere, das füllt den Alltag mit mehr Raum für Bewegung.

Zuhause

Fabiano Mixo-Set-Frau ohne Mandoline by Leonie SchäferFabianos neuer Kurzfilm, „Frau ohne Mandoline“ ist in Zusammenarbeit an der filmArche Berlin entstanden. Angelehnt an Picassos Bild „Mädchen mit Mandoline“ versucht er zusammen mit Freunden den Kubismus filmisch zu übersetzen. Ein pulsierendes Mosaik, das ganz in seiner Bewegung erscheint. Scheinbare Paradigmen verschieben sich, geraten durcheinander, wie auch der Begriff „Zuhause“ – für Fabiano ein abstrakter Kein-Ort, der zur Beschäftigung mit der eigenen Identität und der Welt einlädt. Wenn Fabiano zwischen den Illustratoren, Drehbuchschreibern, Kulturhistorikern und Forschern an seinem Büroplatz ist, wird seine Anwesenheit in Berlin subtil banal. Es fällt nicht auf, dass er hier ist. Es ist normaler, banaler Alltag.

Fast schon filmreif und außerhalb des Alltags hat Joãos Liebe zum Film angefangen. Daheim im Großraum Rio de Janeiro, mit seinen mehr als 11 Mio. Einwohnern. In der brasilianischen Cidade de Deus, bekannt aus dem Film „City of God“ von Fernando Merireilles (2002), wollte er Nachhilfe geben. Dabei landete er selbst in einem Filmworkshop, der in der Siedlung abgehalten wurde. Bekannte brasilianische Filmemacher hatten sich nach Ausstrahlung des Filmes zusammengetan, um den Bewohnern eine Kamera in die Hand und so eine Stimme zu geben. Eines der zahlreichen Hilfsprojekte, die versuchen sollten etwas zu verändern. Im Falle Brasiliens, der Favela und ihrer Bewohner zielte dies auf das Schwarz-Weiß-Denken der Gesellschaft. Daran hat sich wenig geändert, erzählt João. Das heutige Brasilien sei sehr gespalten, erzählt er mir an einem sonnigen Nachmittag während unseres Treffens im Café Kotti. Die Schere zwischen arm und reich extrem. Während im Fernsehen europäische Proteste unterstützt werden, würden die eigenen im Land kleingeredet, klein gehalten. Auf Demonstrationen abends von den Behörden das Licht ausgeschaltet und der Protest in Schatten getaucht. Die aktuellen Proteste sind bei allen präsent. Der Kontakt mit der Heimat steht. Es wird geskypt von Berlin nach Hause, hingeflogen eher selten.

Vinicuius Gaspar by Sonia Dimitrow

Vynny wartet auf Nachrichten von der Ausländerbehörde. Eine pochende Unsicherheit, die seit der Auflösung seines Arbeitsvertrages im Hintergrund all seiner Tätigkeiten steht. Momentan filmt und photographiert er viel, schneidet Musik- und Capoeira-Videos für Freunde, lässt sich inspirieren vom Chaos des Alltags und hofft auf einen Job. Sein Visum war an den Arbeitsvertrag geknüpft. Wenn seine Aufenthaltsgenehmigung nicht verlängert wird, bleibt die Rückkehr oder die Bewegung in ein anderes Land, außerhalb Europas. Bewegen, was einen bewegt. Sich bewegen. Tai durch die Linse, João durch Musik, Fabiano mitten im Kubismus. Verschachtelt, aufgelöst, im Kurzschluss weiter, irgendwo zwischen Kontakt und Übertragung. Immer in Bewegung. Das Herz im Takt. Keep it alive!

 

 

Kontaktinformationen

Vinicius Gaspar: Programmheft Ortstermin   und Email vynnysyus[at]hotmail.com

Taiane Linhares: Links zur Doku „Tear„, Flickr – Photographie und Facebook

Fabiano Mixo: Link zum Trailer „Spuren von Morgen“ und zur Website.

João Xavi: Link zum Musikclip „atlántico“ und zur Website.

 

TEAR-Set-1-by Ricardo SchmidtTEAR-Set-2-by Ricardo SchmidtTEAR-Set-by Ricardo Schmidt

 

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