Ein Licht im Dunkel der Proteste

my-obama-me_15-06-14Warum man den jungen brasilianischen Philosophen Rodrigo Nunes im Blick behalten sollte – oder am besten: seine Bücher lesen sollte, erklärt Marie Hoffmann.

Oftmals beruhigt es uns, wenn wir Erklärungen für beängstigende Phänomene erhalten. Die Massenproteste und die Unsicherheit, die uns packt, wenn wir auf die brachiale Polizeigewalt und die Wut blicken, die seit dem letzten Jahr auf den Straßen Brasiliens zu beobachten sind, gehören zu den Dingen, die nach Erklärungen rufen. Ein noch sehr junger brasilianischer Philosoph hält dazu eine ebenso klare wie beruhigende Analysen der jüngsten Proteste bereit.

In seinem Buch The Organisation of the Organisationless: Organisation After Networks, das in den kommenden Monaten veröffentlicht wird, beleuchtet der Philosoph Rodrigo Nunes die Juni-Proteste in Brasilien. Von der Netzwerknutzung im Internet kommt er zur Kommunikationsbeschleunigung und der Feststellung, dass sich die Organisationskosten drastisch reduziert haben.Das bedeutet de facto: ein schnellere Mobilisierung der Massen ohne übergeordnete Organisation.

Keine Ideologien, keine Parteien, keine Verbände sind mehr nötig, um die Massen auf die Straße zu bringen. Die Menschen interagieren kontinuierlich, in kleinsten Einheiten miteinander und lassen sich durch neue Medien schneller mobilisieren. Egal, ob es die Bom Senso F.C. Bewegung ist, in der die Profifußballer Brasiliens zur Verbesserung der Fußballspiele aufrufen, oder mit der Rolezinho-Bewegung, in der junge User in den Einkaufscentern São Paulos per Facebook spontane Treffpunkte ausmachen. Es ist eine andere Definition der Multitude, ähnlich wie wir sie aus der Betrachtung der Occupy-Proteste von Theoretikern wie Slavoj Žižek kennen: Heute interagieren die Menschen auf der Straße, über Facebook-Profile und andere Systeme kontinuierlich miteinander und verändern dadurch die Organisationsmechanismen. Eine äußert heterogene Masse sind sie dabei trotzdem.

Nunes zeigt dies speziell am Fall der Juni-Proteste. Hier stellt er einerseits „offene Organisationen“ fest, die durch die neuen Medien generiert werden, und andererseits „geschlossene Organisationen“, die von traditionellen – zum Beispiel von den Gewerkschaften – verwendet werden. Mit Plakaten und dem Austeilen von T-Shirts treffen hier horizontale auf vertikale Strukturen – und vermischen sich. Nunes sieht dies in Zusammenhang mit einer „Krise der Vertretungsmechanismen“: Viele der Menschen, die in Brasilien auf den Straßen gingen, und noch gehen, haben das Gefühl, von der Politik nicht mehr repräsentiert zu werden. Ist die Demokratie selbst in der Krise? Oder erleben wir gerade in Brasilien einen Re-Generierungsprozess der Demokratie? Das sind die Fragen von Rodrigo Nunes, den er in seinen Analysen nachgeht.

Interessant an Nunes ist seine Betrachtung der neuen Medien im Zusammenhang mit Ansätzen der jüngeren französischen Philosophie wie Alain Badiou und Gilles Deleuze & Felix Guattari. Eine Oase in der Wüste des Realen, um auch hier mit Žižek zu sprechen.

Ein interessanter Vertreter der neuen brasilianischen Anwendung zeitgenössischer Philosophie auf das Leben. Fazit: Anspruchsvoll, aber durchaus lesenswert, wenn man eine andere, stichhaltige Interpretation der sozialen Bewegungen Brasiliens sucht.

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Rodrigo Guimarães Nunes
Nunes erhielt seinen Ph.D. in Philosophie am Londoner Goldsmiths (University of London) und lehrt an der katholischen Universität Pontificia in Rio de Janeiro (PUC-Rio). Er schreibt für nationale und internationale Zeitschriften wie Radical Philosophy, Mute, Le Monde Diplomatique, Serrote, The Guardian und Al Jazeera. Nunes ist Mitherausgeber von Turbulence.
 
 

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