Tall and Tan and Young and Lovely…

Waxing … the Girl from Ipanema goes walking and when she passes each man she passes goes Aaah! – den meisten Menschen fällt bei dem Gedanken an das Girl from Ipanema der Großmeister des Bossa Nova Tom Jobim ein, der Strand von Ipanema in Rio, im Hintergrund der Zuckerhut und natürlich: Bikinimädchen. Wunderschöne Bikinimädchen, die nicht nur Poeten und Sänger zu Welthits bewegen, sondern auch den Durchschnittsmann durchdrehen lassen. Wenn Sie so denken, ok. Aber reden wir Mal darüber was dahinter steckt. Achtung im Schritt!

von Danica Bensmail.

Einen Esstisch, eine Matratze und einen Wachstopf. Mehr braucht Francis Clai nicht, um ihrer Arbeit nachzugehen. Bereits als junge Frau weiß sie genau, was sie will. Schönheit! „Das ist keine Zeitverschwendung“, verspricht die damals 17-Jährige ihrer Mama. „Irgendwann wird das mein Beruf!“ 37 Jahre später sitzt die brasilianische Depiladora in ihrem eigenen Beauty Salon, beschäftigt zwei Angestellte und eine Praktikantin. Doch bis dahin ist es ein weiter Weg. Und der beginnt erstmal mit einem Schock, als sie Anfang der 90er nach Berlin kommt: „Ich war im Eisenacher Park. Alle Frauen…NACKT! Die Männer…NACKT! Oh Gott, wo bin ich hier? Das hatte ich noch nie gesehen!“

Das ist sie also: Die oft zitierte brasilianische Freizügigkeit. Maria Lidola hat sich im Rahmen ihrer Dissertation am Berliner Lateinamerika-Institut ausführlich mit dem Thema Brazilian Waxing beschäftigt. „Man unterstellt den Brasilianern oft diese Freizügigkeit“. Im Beauty Business ist dies nicht unbedingt von Nachteil.

Das Ricola der Enthaarungstechnik

Dennoch: Freizügigkeit und Körperbewusstsein sind zwei verschiedene Dinge. „Oben ohne“ gibt es nicht an brasilianischen Stränden. Da kann der Samba noch so heiß getanzt werden, um das Klischee zu bemühen. Auch ist die Erotik mit knappen Stofffetzen in der Hitze ganz gewiss eine andere als beim FKK. Dennoch müssen nicht die letzten Hüllen fallen, um emanzipatiert zu sein und den eigenen Weg zu gehen.

Wachs

Wachs © Danica Bensmail

Auch wenn Francis von der öffentlichen Zurschaustellung von Nacktheit irritiert ist, freizügig ist sie allemal. Bereits als junges Mädchen zieht sie ihrem Traum hinterher aus der Provinz Uberlandia nach Rio, in die große Stadt. Gegen den Willen der Eltern. Dort trifft sie auch zum ersten Mal auf die ziepende Schönheitstechnik:“Waxing“ ist in den Städten Rio oder São Paulo bekannt. „Faktisch machen wir das in Brasilien aber schon seit den 60er Jahren“, erinnert sich Francis zurück. Damals nur noch mit Wachs und Fleecestreifen. Die Technik, die heute als Brazilian Waxing weltbekannt ist, ist erst etwa 20 Jahre später entstanden. Allerdings nicht in Brasilien.

Wer hat’s erfunden? – Die Spanier! In den 80er Jahren findet die in Brasilien als „spanische Methode“ bekannte Technik ihren Weg über den großen Teich in das Land am Amazonas. Der Zusatz Brazilian zum Waxing ist übrigens keine Bezeichnung der Methode, sondern ihres Anwendungsbereichs; hier sprechen wir wieder Mal von Freizügigkeit: Wer ein Brazilian Waxing verlangt, bekommt eine Haarentfernung im Intimbereich. „In Deutschland nutzen Brasilianerinnen dieses Attribut aber trotzdem auch als Bezeichnung der Methode“, sagt Maria Lidola.

Francis wachst, die Kundschaft wächst

1992 zieht es Francis nach Berlin. „Alle Leute in Brasilien wollten nach Amerika. Aber ich hab gesagt, ich mach was anderes.“ Das sei schon immer so

gewesen, sagt sie und lächelt. Während sie Deutsch lernt, annonciert sie ihre Dienste am schwarzen Brett der Sprachschule und beim Spielen mit ihrem Sohn auf dem Spielplatz. Schon bald bedient sie in ihrem Wohnzimmer die ersten Kundinnen. Mehr als eine Matratze auf dem Esstisch ist damals nicht nötig. „Erst Beine, dann Achseln, ganz langsam dann Bikini“, erzählt Francis. „Ich war damals die allererste hier in Berlin.“

Was in Deutschland neu ist, gehört in Brasilien schon seit langem zum Alltag. „Brasilien ist eine typische Dienstleistungsgesellschaft mit kolonialem Erbe“, sagt Maria Lidola. Die Übertragung bestimmter Dienste an andere sei ganz normal. Dazu gehört auch der Gang in den Beauty Salon. Der zieht sich durch alle Klassen bis in die untere Mittelschicht. Wer über ausreichend Finanzen verfügt, um Dienste auszulagern, macht das auch.

Wer ist hier der Boss?

Francis vor ihrem Laden

Francis Clai © Danica Bensmail

Mittlerweile ist Francis eine erfolgreiche Geschäftsfrau und Chefin. Wahrhaben will sie dies aber nicht. „Wer ist die Chefin? Wenn eine Kundin kommt, mache ich was sie will“, sagt Francis und lacht. „Intime Körperarbeit geht oft mit einem großen Klassenunterschied einher und ist immer stark hierarchisiert. Der Ausführende ist sozial untergeordnet“, sagt Maria Lidola. Das wird besonders an der Bezahlung deutlich. Abgerechnet wird nicht etwa nach Zeit, sondern nach Körperteil. Ein Paar Beine kann bei Anfängern schon mal zwei Stunden in Anspruch nehmen. Dank guter Technik geht es bei Francis aber ruckzuck. „Zeit ist Geld.“ Die Konkurrenz ist zudem groß. In den Sommermonaten kommt Francis dennoch kaum hinterher. Ihre jüngste Kundin derzeit ist neun Jahre alt. Sie lässt sich regelmäßig die Achseln machen. Dabei ist sie in bester Gesellschaft. 67 Prozent der deutschen Frauen enthaaren sich regelmäßig, auch den Intimbereich. Den dann allerdings doch immer noch lieber mit dem Rasierer im heimischen Bad, als von der Depiladora mit Wachs im Studio.

Tatsächlich sind Enthaarung und Beautypflege, Haar- und Körperhygiene, eher unter den gerne als ‚migrantisch‘ bezeichneten Gruppen verbreitet.

Entsprechend gibt es auch ein orientalisches Pendant zum Waxing. Das nennt sich „Halawa“ und ist hierzulande auch als Sugaring bekannt. Die Kundinnen, mit Kopftuch oder ohne, sind zahlreich. Die haarlose Reinlichkeit ist auch hier Alltag. Einzig der Bikini fehlt zur Demonstration. Aber scheinbar sind das nur kulturell versierte Vermutungen und Randbetrachtungen, jedenfalls vermutet die Ethnologin Maria Lidola in den von Muslimas betriebenen Studios eine eher schwache Konkurrenz.

„Ich glaube die orientalischen Studiobetreiberinnen haben es im Vergleich schwerer“, so Lidola. Mit verantwortlich dafür seien die Klischees in den Köpfen der Leute. Man unterscheide zwischen anders aber nicht fremd und anders und fremd, so die Wissenschaftlerin„Brasilien konnte bislang punkten, weil es exotisch ist, aber nicht zu anders.“ Dem gegenüber steht die Vorstellung der anderen, muslimischen Frau, hinter dem Schleier. Das macht den Frauen die Vermarktung ihres Geschäftszweiges sicherlich schwerer als den Brasilianerinnen.“

Fest steht das aber nicht. Was hier fehlt, wenn sich die Wissenschaft bislang nur mit Brazilian Waxing beschäftigt hat? Haare auf den Zähnen! Also rein in die investigative Reportage zum Thema: Enthaarung, voll auf Zucker.

Fühlen Sie sich frei!

 

 

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